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Legal, illegal? Ziemlich egal!

Fachartikel in Netzwoche

Das Klauen von Musik in Internet-Tauschbörsen ist kompliziert ? die legalen Alternativen dummerweise auch. Ein aktueller Usability-Test zeigt eher ernüchternde Ergebnisse.

Von: Peter Hogenkamp, Zeix AG

In der unendlichen Geschichte «Musik im Internet» wurden im Jahr 2003 zwei neue Kapitel aufgeschlagen. Apples Onlineshop «iTunes» gelang, was andere nicht schafften: Songs per Download zu verkaufen. Und hierzulande eröffnete Directmedia den ersten Onlineshop.
Musikfans haben somit erstmals die Wahl: Entweder besorgen sie sich ihre Songs weiterhin illegal, mit den bekannten Problemen. Oder sie zahlen für ihre Songs, werden aber auch mit guter Qualität, schnellen Übertragungen und einem reinen Gewissen belohnt.
Aber was ist einfacher? Wir baten zum Test ? acht Personen mit dem speziellen Profil «sehr versiert im Internet, aber noch nie etwas mit Musik gemacht».
Nebenbei erlebten wir eine Premiere: Zum ersten Mal nach über 400 Usability- Tests bestritten wir eine Testserie nur mit Frauen. Beabsichtigt war das nicht, Zufall wohl auch nicht ? es war schlicht einfacher, Frauen mit diesem Profil zu finden.
Im Vorinterview fragten wir unter anderem: «Wie funktioniert ein Musikdownload aus dem Internet?» Die Antwort fast aller Probandinnen: «Ich komme in den Shop, suche den Song, klicke auf Download und die Datei wird übertragen.»
Auch die Nachfrage löste wenig Verunsicherung aus: «Funktionieren denn legale und illegale Angebote dabei gleich?» Sechsmal ja ? nur zwei Personen hatten eine Vorstellung vom Prinzip Peer-to-Peer.
Die Aufgabenstellung war realitätsnah: «Sie haben heute morgen im Radio den Song American Pie in der Originalversion gehört. Versuchen Sie, ihn aus dem Internet auf ihren Computer herunterzuladen und abzuspielen.»
Die Testerinnen suchten zuerst zwischen 0 (direkt zu Kazaa, nur eine Testperson) und rund 15 Minuten, danach kam per SMS der simulierte Tipp eines Kollegen: «Probier kazaa» oder «Glaube Citydisc hat etwas» oder «Am besten ist der Onlineshop von Apple». Directmedia als einziges Schweizer Angebot wurde von niemandem gefunden.
Nach den erwähnten Verständnisfragen zum Funktionieren eines «Shops» nicht überraschend: Keine der Testenden hatte geahnt, dass ein Client installiert werden muss. Bei Kazaa verwirrte zudem die unübersichtliche Homepage (es gibt einen deutschsprachigen Client, den keine einzige Probandin fand), bei Apple musste zuerst einmal «iTunes» als Shop erkannt und gefunden werden.

Kazaa
Nach Registration startet Kazaa auf einer Übersichtsseite mit Suchfeld. Die Eingabe von «american pie» führte zu ersten Treffern. Die Download- Buttons sind neu, nicht intuitiv zu sehen ist allerdings, dass es sich bei jedem Treffer meist um mehrere User handelt, die dasselbe File anbieten ? im Fall von American Pie bis zu 150.
Doch wenn man im «Suche»-Fenster den Download startet, passiert sichtbar nichts. Alle Testerinnen klickten mehrfach und erhielten dieselbe Fehlermeldung, der Download habe längst begonnen.
Erst nach viel Suchen fanden sie das Fenster «Traffic», doch das Zusammenspiel der Fenster blieb ihnen rätselhaft.
Fazit von Kazaa: Nur zwei unserer Testerinnen schafften es, den Song runterzuladen ? und ihn danach auf der Festplatte wiederzufinden.

Apple iTunes
Vier der sieben Testpersonen versuchten sich an Apples iTunes Shop. Sie suchten auf den Apple-Sites (auf der US-Site ist iTunes sehr prominent verlinkt, auf der Schweizer Site sehr versteckt unter «Store» > «Digitaler Hub» (!) > «Musik»).
Zwei fanden und installierten die deutsche, zwei die amerikanische Software.
Wer in der deutschen Version auf «Music Store» klickt, liest sofort: «The iTunes Music Store is not available in your country yet.» Die beiden Testerinnen reagierten mit einem Schulterzucken. Die beiden dagegen, die die US-Version installiert hatten, konnten in den Music Store wechseln und fanden «American Pie» sofort.
Kleine Überraschung: Das Lied gibt es nur im «Bundle» mit allen Liedern der gesamten CD für $9.99.
Doch letztlich war alles zum Scheitern verurteilt: In der Registration war bei «Step 3 of 3: Provide your U.S. Credit Card information» Schluss, denn keine der Testenden hatte einen Zweitwohnsitz in den USA. Unterschied zu den Personen, die im deutschen Client gleich auf diese Information gestossen waren: Frust wegen 15 verschwendeter Minuten.

Directmedia
Alle acht Probandinnen wurden zum Schweizer Lokalmatador Directmedia geschickt.
Nach einer sehr unübersichtlichen Zwischenseite fanden alle zum Bereich «Musik- Downloads». Und ? hurra! ? hier sind die Suchfelder, auf die alle gewartet haben: nach «Interpret» oder nach «Titel». «American Pie» eingegeben, diverse Treffer, aber das gleichnamige Album von Don McLean ist auf der ersten Seite. «Titel anzeigen», da ist er. Die Testpersonen, die nun auf «30 Sek» klickten, hatten das erste Erfolgserlebnis. «Long, long time ago…»
Nach diesem Erfolg wähnten sich viele bereits kurz vor dem Ziel. Bei der überraschenden Frage, wie viele «PrePay» Credits sie kaufen wollten, entschieden sich alle für die billigste Variante «PrePay 500 für nur 5 SFr.». Nur Mastercard und Visa ist zwar nicht «state of the art», wird aber von allen Testerinnen geschluckt.
Nach Registration und Zahlung dann der Versuch des Herunterladens der Songdatei. Directmedia fragt, ob man den «Download-Manager» herunterladen will, dies sei die empfohlene Variante ? in einem typischen Informatikerformular mit den Optionen «Ja ? Nein ? nicht mehr anzeigen». Für die Testpersonen, die auf «Ja» klickten, kam hier das Ende: Der Download des Download-Managers funktionierte, die Installation nicht.
Für diejenigen, die «Nein» zum Download-Manager sagten, begann endlich die Übertragung der Datei. Doch das Lied, schon auf der Festplatte, wollte nicht starten. Es müsse lizenziert werden, das sei gefährlich, ob man es trotzdem machen wolle? Wer Ja sagt, sieht als Letztes den vergeblichen Versuch des Windows Media Player, mit dem Lizenzierungsserver Kontakt aufzunehmen.
Die Lösung: Im Player muss die Option «Lizenzen für geschützte Inhalte automatisch erwerben» aktiviert sein.
Darauf kam keine einzige Testperson, auch nicht nach Durchsuchen der Hilfe.
Zwei wollten sich an den Support wenden, die anderen gaben auf.
Fazit für Directmedia: Ausser Spesen nichts gewesen. Alle gaben 5 Franken aus, niemand bekam mehr als 30 Sekunden von seinem Lied zu hören.
Zusätzlich zum Problem der Lizenzierung dürfte der grösste Fehler von Directmedia sein, den User zur Installation des Download-Managers zu nötigen: Keine unserer Testerinnen erwartet einen Client, also würde ihn auch niemand vermissen.

Fazit aller Tests
Von acht Testpersonen schafften es zwei, den Song bei Kazaa (illegal) runterzuladen.
Apple iTunes ist noch nicht verfügbar, Directmedia war von Personen ohne vertiefte Kenntnisse nicht zu bedienen.
Nach dem Test wurden alle Teilnehmerinnen befragt, wie sie weiter vorgehen würden, insbesondere, nachdem sie 5 Franken ausgegeben hatten und den Song teilweise sogar schon auf ihrer Festplatte liegen hatten. Die Antworten: zweimal «Kollegen fragen», zweimal «Directmedia eine E-Mail schreiben», viermal «Weiterhin CDs kaufen».

Aus: Netzwoche 05/2004, 3.2.2004

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