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Endlich wieder positive Beispiele für Usability: Google Talk

Nach einem Usability-Referat neulich bei den Freunden von namics bin ich gefragt worden, ob denn in meinem Blog auch ein paar positive Usability-Beispiele vorkommen. Will heissen: Ich hatte wohl im Vortrag nur negative gezeigt.

Wie kommt das? Einerseits ist bei schlechten Beispielen natürlich jeweils die Schadenfreude ein schöner Aspekt, nach dem Motto: „O nein, so eine grosse Firma (d.h. so ein grosses Online-Budget), und dann so doof!“ Aber das ist es nicht allein. Es ist auch so, dass gute Beispiele in aller Regel einfach unspektakulär sind. Man zeigt sie, und jeder denkt: „Ja, ist doch logisch, dass man das so macht, wie denn sonst?“ Wenn überhaupt beziehen sie ihre Daseinsberechtigung nur aus dem Gegensatz, dass man gleich danach sagt: „Sie haben gesehen, so einfach geht das bei A, und jetzt zeige ich Ihnen mal zum Vergleich die Website B“ — und dann kommt wieder etwas Schlechtes, und wir sind so weit wie vorher.

Ich mache seit vier Jahren an der iEX, jetzt Orbit-iEX, das Seminar „Was User lieben, was sie hassen“, und mit der Hälfte „Was User lieben“ reisst man selten jemand von den Stühlen. Was sollte auch aufregend daran sein, wie ein User einfach so etwas bestellt oder eine Überweisung macht? Das Spektakel ist, wie er zehnmal versucht, den Bankclearing-Code der UBS in St. Gallen zu finden, und jedes Mal klappt es nicht.

Trotzdem will und muss man natürlich auch Positives zeigen. Als „Experte“ kann man sich dabei immerhin auch über kleine Innovationen freuen, aber ich frage mich, ob Leute, die sich nicht jeden Tag so im Detail mit Web-Interfaces beschäftigten, das nachvollziehen können. Vor einigen Wochen habe ich mich zum Beispiel unter dem Titel Klein, aber einfach nur schön: Wochentage bei HRS darüber gefreut, wie unaufdringlich-effizient die redesignte Site von HRS den Wochentag anzeigt, wenn man das Datum ändert. Und man sieht, schon im Titel habe ich vorweggenommen: Ist aber nur was Kleines, also seid nicht enttäuscht… Ich finde die Lösung von HRS immer noch sehr, sehr empfehlenswert. Aber ich habe damals vorab sage und schreibe 3000 Zeichen gebraucht, um die Leser darauf vorzubereiten, warum ich es so gut finde, indem ich erstmal erklärt habe, wie es die anderen machen. Vielleicht hätte es das nicht gebraucht, weil die Fachwelt es auch kapiert hätte, wenn ich nur: „Schaut mal hier“ geschrieben hätte, aber darauf mag ich mich nicht verlassen.

So. Daran liegt es meiner Meinung nach. Das Gute ist zu simpel. Und darum jetzt auch ein Beispiel vom Meister des guten Simplen und simplen Guten: Google. Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie es Google es immer wieder schafft, Sachen, die man schon hundertmal gesehen hat, neu zu durchdenken und dann besser und einfacher zu machen. Beispiel Google Suche vor fünf Jahren; fällt uns heute nicht mehr auf, aber vorher bei AltaVista und Co. war einfach allein die Anzeige der Trefferliste im Vergleich viel weniger logisch. Beispiel Google Mail vor ein paar Monaten (siehe Wieso Gmail wirklich anders, neu und wichtig ist).

Beispiel Google Talk seit zwei Wochen. Instant Messenger gibt es ja auch schon lange (ICQ habe ich 1997 das erste Mal genutzt). Aber die Leute bei Google überlegen zum einen, was die relevanten Use Cases sind, und die setzen sie dann gut um, und den Rest lassen sie weg. Was dazu führt, dass Google Talk nicht so ein Monster ist wie ICQ oder Yahoo Messenger, sondern eine kleine, schnell installierte Applikation.

Und dann überlegen sie sich, welches Feature man wozu braucht. Zum Beispiel die Uhrzeit. Beim Yahoo Messenger kann ich die Uhrzeit einblenden, und dann sehe vor jeder Zeile die aktuelle Uhrzeit. Was soll das? Die sehe ich auch rechts unten in der Ecke oder auf der Küchenuhr an der Wand oder auf dem Handy. Die Uhrzeit ist eigentlich nur bei einem Use Case relevant: Wenn ich das IM-Fenster offen habe, weglaufe, eine Nachricht bekomme, und beim Wiederkommen sehen will, wann der Absender die abgeschickt hat. Ich antworte nämlich allenfalls anders, wenn das zwei Minuten versus zwei Stunden her ist. Deswegen sieht eine laufende IM-Konversation in Google Talk so aus:

… und nach zwei Minuten Inaktivität wird dann noch eine Zeile angehängt: „Sent at 17:07 on Freitag“:

OK, Sprachmix, aber das macht gar nichts. Auch hätte ich ein Beispiel nehmen sollen, wo die andere Person zuletzt etwas schreibt, aber das kann man sich vorstellen.

Sowas finde ich einfach pfiffig. Ich weiss nicht, ob die Leute bei Google intelligenter sind, mehr nachdenken oder mit Usern testen. Vielleicht alles zusammen. Aber am Ende kommt es besser raus.

Es gäbe noch weitere Sachen bei Google Talk, die ich ähnlich fein finde, etwa die sessionsübergreifende History, automatisch, einfach so, im Fenster, nicht irgendwo abgespeichert. Wie eine Message, wenn der Client nicht oben ist, sich dezent unten rechts einblendet. Wie mehrere IM-Fenster kaskadieren. Und so weiter. Wer andere IM-Programme kennt und es installiert, wird es merken. Ich finde es jedenfalls in der Summe so gut, dass es nicht nur ein kleines Beispiel ist.

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