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Facts bläst müde «Tricks» auf

Die nächste «grosse» Internet-Geschichte im «Facts» vom letzten Donnerstag:

Wir wissen alles über Sie

Der Test: Wie einfach private Daten im Internet zu finden sind.

(online nur für Facts-Abonnenten verfügbar)

In der Tagimagi-Geschichte von Guido Mingels, so wenig wir auch mit seinen Schlussfolgerungen übereinstimmten, waren wenigstens die Fakten sauber recherchiert. Hier dagegen sehen wir wieder das Niveau, das man leider von General-Interest-Magazinen erwarten muss: ein buntes Sammelsurium durcheinandergewürfelter Fakten und Halbwahrheiten, gewürzt mit scheinbar pikanten Inhalten und Abbildungen.

Ich dachte schon, als ich den Titel sah, Facts habe etwas wirklich Interessantes mitzuteilen, ähnlich etwa den am selben Tag von Jürg Stuker vorgestellten Google-Hacks. Natürlich weit daneben. Facts hat anhand mehrerer Prominenter (alle sieben Schweizer Bundesräte, Eidgenössicher Datenschutzbeauftragter Hanspeter Thür) jeweils folgende „Hacks“ ausprobiert:

  • Privatadressen und Telefonnummern bei tel.search.ch gesucht (sie schreiben www.telsearch.ch, was auch funktioniert, search.ch kennt natürlich seine Pappenheimer; aber es wird richtig geforwarded, und oben links steht es auch noch mal korrekt — da sind sie schon wieder, unsere kompetenten Journalisten, die überzeugt sind, wenn es Internet ist, muss es mit „www“ anfangen).
  • Nach dem Namen gegoogelt und dabei relativ weit genug gesucht, bis auch Treffer auftauchten, wo mal empörte Bürger die Privatadresse von Moritz Leuenberger ins Netz gestellt haben.
  • Für viele Promis den super Trick angewandt nach „Name Vorname 079“ zu suchen und sich diebisch gefreut, dass diverse Natelnummern auftauchten, vor allem von politisch aktiven Personen, die mal Ansprechpersonen in Kampagnen waren. Recht ausführlich wird erklärt, wieso man bei Simonetta Sommaruga die 079 durch eine 078 ersetzen muss — „sie telefoniert offensichtlich nicht mit Swisscom“ (stimmt so nicht einmal).
  • Adressen und Telefonnummern reingeschrieben, aber dann geschwärzt — wir sind ja sowas von ethisch — dabei kann es mit den simplen Anleitungen natürlich jeder nachvollziehen.
  • Die Adressen bei map.search.ch anzeigen lassen und die Karten mit den roten Kreisen gross neben den Fotos der Betroffenen (Couchepin, Blocher, Leuenberger) ins Heft gestellt. Bei Thür im Folgeartikel stammt die Karte — die von oben sein Bürogebäude (!) zeigt — von Google Earth.
  • Noch ein paar mehr oder weniger private Fotos ausgegraben — von Fiona Hefti aus dem griechischen Playboy Fotos, die an Harmlosigkeit nicht zu überbieten sind, und die mal der Blick abgedruckt hatte, was 20 Minuten übernahm, wo sie noch im Archiv sind; Pascal Zuberbühler auf einem Foto mit Freunden. Wow.

Das zusammen soll dann alles sehr bedrohlich nach gläsernem Bürger aussehen. Textauszug beim Leuenberger-Absatz:

„Das Internet-Telefonverzeichnis bietet zudem eine Umgebungskarte, die einen grosszügigen Einblick ins Quartier gewährt. Das alles ist ein Kinderspiel; das alles muss ein Horror sein für die Sicherheitsbeamten des Bundes.“

Ich bin ein grosser Fan von map.search, aber nicht, weil die Auflösung der Karten auf der höchsten Stufe mir einen CIA-artigen Blick in die Gärten ermöglicht.

Bei Bundesrat Merz ersparen sie sich die tolle Nummer mit dem Googeln und dem Foto von map.search. Sondern vermelden nur kurz, dass er sowieso im Telefonbuch steht. Das wäre mal eine erste inhaltliche Erwiderung auf den Artikel: In der Schweiz ist einfach diese „Geheimhaltekultur“ viel weniger verbreitet als in vermutlich fast allen anderen Ländern. In Deutschland würde doch, selbst wenn es Abstimmungskampagnen gäbe, niemals irgendjemand auch nur annähernd Wichtiges seine Telefonnummer, gar seine Handynummer, auf einer Website veröffentlichen. Nie. In der Schweiz wird das immer wieder gemacht, weil die Leute offenbar keine schlechten Erfahrungen damit machen, sonst würden sie es ja lassen. Und jetzt kommt Facts und sagt: „Sehr gefährlich, unsere entspannte Kultur!“

In einem Textkasten steht dann irgendwann in der Mitte des Artikels:

Das kann jeder

Die im Artikel verwendeten persönlichen Daten, Adressen, Telefonnummern und Kartenausschnitte stammen von kostenlos und ohne Passwort im Internet einsehbaren Sites. Alle User haben auf diese Informationen freien Zugriff. Verzeichnisse, Datenbanken und Register, die lediglich gegen Bezahmg und mit geschütztem Zugang offen sind, wurden nicht verwendet.

Diesen Ansatz finde ich soweit ja ganz gut. Abgesehen davon, dass sie nur müde „Tricks“ kennen, die auch nur halbwegs versierte Leute gar nicht als solche bezeichnen würden.

Problematisch wird es dann im weiteren Verlauf des Textes. Dort kommen die unvermeidlichen Geschichten von bösen Websites, bei denen man sich überall registrieren muss, und von den Kreditkartendaten, die man dabei hinterlassen soll — was allerdings gar nichts mit dem visible Web für Google zu tun hat, auf das man sich eigentlich beschränken wollte. Und natürlich kommen auch noch die „so genannten Cookies auf dem heimischen Rechner, die das Surfverhalten ausspionieren“ zu ihrem Auftritt:

Fachleute entwerfen unschöne Szenarien, zum Beispiel: Wer eine Lebensversicherung abschliessen möchte und kurz zuvor zur HIV-Infektion eines Freundes online recherchiert hat, bekommt in Zukunft vielleicht nur noch ein sehr ungünstiges Angebot von den Versicherern unterbreitet.

Das müssen ja schöne Fachleute sein, die sie da gefragt haben. Diese falsche Wiedergabe davon, was Cookies sind und was sie machen, schreibt wohl der eine Journalist vom anderen ab — richtiger wird sie dadurch nicht.

Fazit: Der Artikel ist zur Hälfte „Guckt mal, was wir können!“, wobei ich vermute, dass die Redaktion wirklich denkt, sie hätte da tolle Sachen entdeckt. Die andere Hälfte ist das übliche Gemenge von Halbwahrheiten, wobei man als etwas fachkundiger Leser nicht sagen kann, ob es Unwissenheit, Ignoranz oder gezielte Desinformation ist. Der einzige aus meiner Sicht wirklich relevante Punkt, den sie machen — Leute, überlegt Euch gut, was Ihr ins Netz stellen wollt, denn wenn es einmal da ist, kriegt man es praktisch nicht mehr weg — geht dabei leider unter.

Kommentare

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Matthias

31.10.2005 - 7:51

LOL! Kochrezept: Man nehme einen Promi, werfe für dreissig Minuten die Suchmaschine an, und fertig ist der Artikel. Vermutlich haben sie sich von dieser dummen „Recherche“ inspirieren lassen: Google balances privacy, reach und hoffen jetzt auch auf ein kleines Skandälchen, das ihnen viele viele Besucher einbringt.

Basil

02.11.2005 - 8:17

Ist doch eigentlich ein Grund zur Freude das derartige Angstmacherei bei uns nicht funktioniert. Wie das sonst aussehen würde sehen wir ja in diversen, mediengesteuerten Ländern.