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Ritter der Schwafelrunde?

Wieder mal ein Artikel über Blogs in einer Zeitung: „Ritter der Schwafelrunde“ in der Süddeutschen. Der Titel ist in seiner Plakativität nicht schlecht, zugegeben, auch wenn der Autor Alex Rühle trotzdem anscheinend überlegt hat, ob er ihn nicht durch „anschwellender Blogsgesang“ ersetzen sollte. Diese Alternative fand er nämlich so gut, dass er sie immerhin noch im Lead und im Artikel untergebracht hat. (Auf das Original „Anschwellender Bocksgesang“, ein Spiegel-Essay von Botho Strauß von 1993, wird so oft sprachlich angespielt, dass ich langsam gern mal eine Umfrage machen würde, wie viele Leute diese Spielchen eigentlich mitbekommen.)

Rühle schiesst sich vor allem ein auf die Leute, die das Web sowieso und jetzt Blogs als Hilfsmittel betrachten, uns alle in eine höhere Sphäre zu heben, die finden, dass sich „im Internet die Idee eines kollektiven Bewusstseins manifestiert“ (Steven Levy) und so weiter und so fort. Ich kenne ein paar Blogger, online wie persönlich, und keiner von denen denkt sich solche Sachen aus. Aber natürlich, wenn man als Journalist Blogs oder generell das Web 2.0 diskreditieren will, dann muss man nur ein paar durchgeknallte Typen zitieren, und schon geht’s ganz einfach.

Natürlich ist das nicht der einzige Ansatz, wir haben schon einige Alternativen kennengelernt, die auch zum gewünschten Resultat führen. Eine ist es, banale Inhalte zu zitieren. Das kann man mit fast jedem Medium machen, und es funktioniert fast immer. Nur würde heute wohl keiner drauf kommen, einen schlecht geschriebenen Artikel aus einem Gratis-Quartierblatt zu zitieren und anhanddessen nachweisen zu wollen, wie dürftig das Niveau des Mediums Zeitung eigentlich ist; ich könnte mir aber gut vorstellen, dass zu Gutenbergs Zeiten von einigen Mönchen so argumentiert worden ist (damals wohl noch nicht anhand von Gratisblättchen).

Wobei ich nicht sagen will, dass Diskretieren nicht durchaus einen gewissen Unterhaltungswert hat und vielleicht sogar zutreffend sein könnte. In der aktuellen Weltwoche macht Gion Mathias Cavelty sich unter dem Titel „Liebe ist… wenn es knackt“ (online nur für Abonnenten) über das SVP-nahe buureradio.ch lustig, indem er ein Partnersuche-Interview mit einer Bäuerin wiedergibt, in deren Partnersuchportfolio offenbar die körperliche Anziehungskraft des Gesuchten zentralen Raum einnimmt, wie der abgedruckte Dialog zwischen Moderatorin Vreni Zuberbühler und Kandidatin Karin zeigt:

Vreni: «Danke für dini Aagoobe, und jetz chömmemer zu dim gsuechte Traummaa. Wa meensch, wie sött er uusgsieh?» / Karin: «Da isch no relativ schwierig… Do jo s Aug au mitisst, sött er gliich no einigermasse uusgseh… Er sött öppe-n-es Hobby ha… Und sött au chönne mit mir öppe-n-es Ross stehle.» / Vreni: «Jo… In däm Fall gohts gliich echli übers Uusgsieh… Bisch du nüd e Frau, wo saat: Mir isch glich, wie-n-er uusgsieht – d Hoptsach isch mer, wenn er en Leiige isch?» / Karin: «Jo… (diplomatisch) S Leiig-Sii wär jo an und für sich au guet… Aber… (Pause) do me jo gwüssi Aasprüch hät… mue jo säb au stimme (lacht schmutzig).» / Vreni: «Jo, aso i bi ganz gliicher Meenig wie du… I denke, me chauft au nüd unbedingt e Chueh, wo em nüd gfallt, obwohl me dezue au mue säge, dass nüd all die schönschte Chüeh am meischte Milch gend… Und wie alt sött er denn see? Häsch du e Limite? Zum Biispiel, dass du saasch ‹bis Vierzgi›?» / Karin: «Wenn en Vierzgjöhrige mag mithebe mit dem wa-n-i… (Pause) mache, tue und bruuche…» / Vreni: (lacht schmutzig) / Karin: (lacht schmutzig) «…denn isch mer da gliich…»

OK, saulustig. Würde es gern als Podcast hören. Aber sagt das mehr über Radio als Medium aus oder über buureradio als Kanal? Eben.

Und jetzt könnte man, um wieder die Brücke zum Artikel in der Süddeutschen zu schlagen, noch etwas „Radiotheorie“ hervorkramen, die gibt’s ja praktischerweise sogar unter dem Namen, etwa von Brecht, dann hätte man auch wieder eine Wahrnehmung des Mediums auf der Metaebene, die in der Realität nicht gerade genauso eingetreten ist, was das Medium aber nicht daran gehindert, eine bedeutende Rolle zu spielen.

Mir gehen die nur positiven und die nur negativen Artikel zum Thema „User Participation“ gleichermassen auf die Nerven, den in beiden findet man denselben Mechanismus: Die überschwänglichen räumen in einer Fusszeile ein, dass es auch ein paar belanglose Blogs geben könnte, und die kritischen schreiben einen halben Absatz darüber, dass es ja durchaus auch einige beachtenswerte Entwicklungen gibt. (Rühle schreibt einen Satz: „Natürlich, es gibt die Bildergalerie Flickr, die Musikbörsen, Googleearth, all diese Programme, die Konsumenten miteinander vernetzen und ihnen fantastische Plattformen für Kommunikation und Selbstinszenierung bieten.“ und weiter unten noch mal ein paar über den Sony/BMG Rootkit-Skandal: „Früher hätte der Mann einen Brief geschrieben und eventuell eine schmallippige Antwort bekommen. Heute, in Zeiten der globalen Stiftung WWWarentest, löste seine Erkenntnis einen Orkan im Netz aus. Am Ende entschuldigte sich der Chef des Musikkonzerns persönlich in einer Pressekonferenz.“ — aber in beiden Fällen kehrt er gleich danach mit einem grossen „Aber“ zurück zum Bashing.)

Beide Seiten vereinfachen damit die Realität unzulässig. Den Zustand, dass es praktisch nichts mehr kostet, etwas weltweit zu publizieren, haben wir schon einige Jahre, und jetzt gibt es auch noch ein Format, das die Aktualität in den Mittelpunkt stellt.

Das wird ganz sicher einiges bewirken, das ich aber hier nicht alles aufzählen möchte, andere Blogs tun das berufener als ich.

Kommentare

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Bürger-Herold

06.02.2006 - 12:36

… Alex Rühle fordert das Ende des mystischen Erlösungsgerede, bemüht Sloterdijk, Turkle oder Luther – die Seifenblase expandiert. Rühle weiss immer noch nicht, was das Web 2.0 ist. Und aus „Wut“ darüber müssen alle Klischees über die Blogger in den Beitrag hineingezwängt werden – bis seine Seifenblase platzt. ….