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Mensch & Computer 2008 – der erste Tag

Ich befinde mich zur Zeit an der Tagung Mensch & Computer 2008, welche dieses Jahr in der Hansestadt Lübeck stattfindet.

Los ging es gestern Sonntag mit einer Reihe von Tutorials, von denen ich drei besuchen konnte.

Im Tutorial „Mein System benutz‘ ich nicht: Ein praxisorientierter Ansatz, Nutzerakzeptanz zu messen und zu verbessern“ stellte der Referent – Henning Breu von der Firma Daimler – ein selbstentwickeltes Modell zur Erklärung der „User Acceptance“ eines Systems vor, welches auf folgenden vier Faktoren beruht.

  • Nutzenwahrnehmung, z.B. Vereinfachung von bisher komplizierten Prozessen
  • Belastungswahrnehmung, z.B. Lern- und Einarbeitungsaufwand
  • Risikowahrnehmung, z.B. Angst vor Arbeitsplatzverlust aufgrund der Effizienzsteigerung
  • Vertrauensbilanz, z.B. Zweifel an der Korrektheit der von einem neuen System gelieferten Informationen

Wie sich diese Faktoren konkret ausprägen, ist abhängig von der Rolle, welche die betreffenden User im Business-Prozess wahrnehmen. Verschiedene Stakeholder kommen dabei zu unterschiedlichen Wahrnehmungen. In einer Gruppenarbeit wurde anschliessend versucht, anhand eines vorgegebenen Szenarios die Akzeptanz für ein 3D-CAD System in verschiedenen Nutzergruppen vorherzusagen. Die einzelnen Gruppen mussten dabei die Sicht dieser Nutzergruppeneinnehmen, mögliche Argumente aufzählen und diese kategorisieren. Laut dem Referenten gelang es den Gruppen, in der zur Verfügung stehenden kurzen Zeit alle wesentlichen Punkte aufzuzählen, die auch im real durchgeführten Projekt von den Betroffenen genannt wurden. Dennoch ist es äusserst wichtig, die effektiven Nutzergruppen zu den entsprechenden Projekten zu befragen und sie durch ihre Teilnahme in den Prozess zu integrieren – d.h. sie „abzuholen“,wie man bei uns in der Schweiz sagt.

Auf die konkrete Messung und Verbesserung der Nutzerakzeptanz, die eigentlich – laut dem Veranstaltungstitel – das Thema gewesen wäre, gingder Referent leider nicht näher ein.

1x denken? Das macht dann 1,35 Sekunden.

Im nächsten Tutorial ging es um „Kognitive Modellierung in der Konzeption und Evaluation von Softwareprodukten“. Drei Herren von SAP stellten Tools und Verfahren vor, mit denen der zeitliche und kognitive Aufwand bei der Nutzung eines User Interfaces vorhergesagt werden soll. Das Verfahren besteht darin, die Interaktion mit einem bestimmten User Interface in seine atomaren Einheiten – Tastendrücke, Klicks, Positionierung des Mauszeigers usw. – zu zerlegen. Anschliessend kann aufgrund von im Labor ermittelten Durchschnittszeiten vorhergesagt werden, wie lange es dauert, eine bestimmte Aufgabe mit einem bestimmten User Interface zu lösen. Dadurch soll z.B. ermöglicht werden, verschiedene Designvarianten miteinander zu vergleichen und das ohne dass man einen einzigen User vor das Interface setzen muss.

Dieses Modell erfordert aber, dass die Interaktion mit dem User Interface auf eine ganz bestimmte Art und Weise erfolgt. Dass verschiedene User möglicherweise eine andere Reihenfolge wählen, ist nicht vorgesehen. Die Sequenz der einzelnen Interaktionen wird genau vorgegeben und für (unterschiedliche) kognitive Operationen wird einfach eine Durchschnittszeit von 1.35 Sekunden veranschlagt. Meines Erachtens ist es daher nicht angemessen, dies als kognitive Modellierung zu bezeichnen, denn gerade die Kognitionswissenschaften zeichnen sich eigentlich dadurch aus, dass Denkprozesse nicht einfach als Blackbox angesehen werden, die man pauschal abrechnen kann.

Das Verfahren eignet sich meiner Meinung nach höchstens für Masken, die wirklich auf eine bestimmte Art und Weise und immer in der gleichen Reihenfolge ausgefüllt werden, z.B. Formulare.

Prototypen als Bestandteile einer User Interface Spezifikation

Im dritten, sehr lebendig vorgetragenen Workshop ging es um „Methoden, Notationen und Werkzeuge zur Übersetzung von Anforderungen in User Interface Spezifikationen“. Der erste Referent Thomas Geis schilderte auf anschauliche Art und Weise, wie er in der Praxis die Anforderungen an ein Software-System ermittelt, ohne dabei auf formalistische Methoden, Diagramme etc. zurückzugreifen und stattdessen aus Kontextinformationen Nutzungsszenarien und Nutzungsanforderungen ableitet. Sein Koreferent Thomas Memmel sprach anschliessend über die Notwendigkeit, die oft sehr ausführlichen textuellen Anforderungsspezifikationen durch visuelle Prototypen zu ergänzen – was wir bei Zeix unseren Kunden ja regelmässig empfehlen. Er stellte zudem den selbst entwickelten Prototyp einer Software vor, die es erlaubt, auf einfache Art interaktive Prototypen zu erstellen – wie dies z.B. mit aktuellen Tools wie iRise und Axure möglich ist – und zugleich die für die Entwicklung erforderlichen Dokumente (z.B. Spezifikationen, Mockups, Design-Varianten etc.) zu integrieren.

Alles in allem war es ein eher ruhiger Start. Am Montag werden wesentlich mehr Veranstaltungen stattfinden und ich tue mich schon jetzt schwer mit der Auswahl. Mehr dazu folgt morgen.

Kommentare

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Thomas Memmel

09.10.2008 - 7:52

Hallo ZEIX, danke für die Erwähnung in Eurem Blog.
Beste Grüße aus Embrach, Thomas Memmel