Nach oben

Elektronisch = besser für wen? Die neuen Anzeigen pro Gleis im Live-Test.

Und hier kommt noch ein Nachtrag zum Welt-Usability-Tag 2008-Thema «Transportation»:

Kürzlich renne ich also mit Kind und Wagen gegen das aufziehende Frühsommergewitter um die Wette und erreiche mit Ach und Krach das Perron – von dem ich weiss, dass mein Zug normalerweise fährt.

Der Zürisee tobt, Pantha Rhei legt lieber nicht an und Horgen ist schon fast in den Regenwolken verschwunden. Schnell ein Ticket rauslassen, dann dem geeignesten Einsteigeort anpeilen – so der kurzfristige Plan. Denn die zu erwartenden engen Platzverhältnisse im Zug und die aufkommenden Windgeschwindigkeiten, die einem beim Sandstrahlen wähnen, lassen es nicht zu, irgendwo auf den Zug zu warten. – Aber dann unerwartet Hilfe von oben: Deus ex machina? Nein, nur neue, elektronische Anzeigetafeln, die in luftiger Höhe den nächsten abfahrenden Zug ankündigen und neben dem Zielort auch zusätzliche Informationen enthalten, die … nur – was sagen die genau?

Nochmals von oben: Den Zielort der Verbindung kann ich sofort lesen. Den Rest – also auch evtl. mein persönlicher Zielort, der darunter angeschrieben sein könnte – lässt sich aus Distanz nicht entziffern. Sektoren? Wo sind die niedlichen Wagen, was heissen diese neuen Symbole genau? – Ich getrau mich leider nicht hinter dem Wartehäuschen hervor – und versuche mühselig die extrem krakelige und kleine Schrift zu entziffern. Einige der nur hier gesehenen Symbole habe ich selbst nach einiger Gedankenarbeit nicht zuordnen resp. auflösen können. (Leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt keine Kamera griffbereit und muss nun warten, bis ich wieder einmal am gleichen Bahnhof diese Anzeige sehen werde.) Ich komme zum Schluss, die  ¦ A ¦ B ¦ C ¦ – Reihe in aussergewöhnlich kleiner Grossschrift bezeichnet die Sektoren. Und das kleine Dreieck – wahrscheinlich die Zugfahrrichtung. Aber klar, die kleinen Quadrate mit den Zahlen sind logischerweise die Wagen mit der entsprechenden Klasse. 1/2 ist nicht eine halbe Klasse, sondern der Wagen hat sowohl 1. wie 2. Klasse. Obwohl: Ist die 1. Klasse invers dargestellt, weil sie etwas völlig Anderes darstellt? Der Lesbarkeit dient diese Umkehrung auf Anhieb jedenfalls nicht.

Ich frage mich deshalb: Haben diese elektronischen Anzeigetafeln tatsächlich die Richtlinien der SBB für Lesbarkeit bestanden?
Es wird nämlich eine Schrift verwendet, bei der alle Buchstaben, die Rundungen haben, übergewichtig erscheinen. Ein ‚a‘ wird zu einem Leuchtfleck, ‚i‘ und ‚l‘ lassen sich besonders schlecht unterscheiden. Der (Oberflächen)-Aufbau der Anzeige zerreisst in der Vertikalen den zentralen Bereich mindestens 3 Mal und er führt bei genauer Betrachtung auch dazu, dass immer wieder Buchstaben ausgefranst erscheinen.

Wieso ist ein Provinzbahnhof gleich ausgerüstet, wie eine kleinere Stadt? Die Züge die hier anhalten, sind meist kurz und entsprechend wird die ganze Breite der Anzeigetafel nur zu einem kleinen Teil verwendet. Oder ist die Anzeige der Zugkomposition nur bei grösseren Zügen (wie bisher) wichtig?

Natürlich würde ich mir auch für RollstuhlfahrerInnen, Kinderwagen und Velos eine klare Angabe wünschen, die erlaubt, sich schon frühzeitig am richtigen Ort zu positionieren. (Kundenlenker werden dann überflüssig, oder?)

Mit diesen neuen Anzeigetafeln bleibt dies jedoch wahrscheinlich ein frommer Wunsch – der Platz wäre zwar vielleicht vorhanden, aber mit der Unschärfe der ungeeigneten Schrift ist die Lesbarkeit wohl nicht zu optimieren. Wird jetzt für viele Jahre ein neuer Standard gesetzt? Möglich ist es, sich auch an diese Anzeige zu gewöhnen, oder nicht? Möglich wäre allerdings vielleicht die Verdoppelung der Tafeln, damit die relevante oder gar alle Information auch in Realdistanz gelesen werden kann.

Oder heisst das etwa: Die lesbaren Anzeigen sind weg! Wo? – Bald an allen Bahnhöfen. Was erhalten wir dafür? – Vielleicht Operngucker am Schalter, der sich glücklicherweise gerade daneben befindet.

Ja dann: Grüezi mitenand!

Kommentare

Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert