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Wandern mit digitalem Wanderführer

Wieder einmal war ich wandern. Diesmal zog es mich in den Schweizer Nationalpark. Dieser bietet den einzigen (mir bekannten) Location-based Service der Schweiz an:

Gegen eine Gebühr von CHF 5.00 pro Tag kann ein mit einer speziellen Software ausgerüstetes Smartphone von HP gemietet werden. Alle offiziellen Wanderrouten des Nationalparks sind darauf gespeichert und der Wanderer erhält aufgrund seiner GPS-Position ortsbezogene Informationen. Details über den Service und den Instruktionsfilm findet man auf der Website des Schweizer Nationalparks (unter «Aktuelles» > «Interaktiv» > «Interaktiver Wanderführer»).

 

Das zur Verfügung gestellte Gerät (Das Foto habe ich mir ausgeliehen von der Website des Schweizer Nationalparks)

 

Ich hole also das Gerät im Nationalpark-Zentrum in Zernez ab. Weil ich keine Ahnung habe wie es funktioniert, frage ich bei der Angestellten nach einer kurzen Anleitung, die ich mitnehmen und im Bus zum Ausgangsort lesen könnte. Eine solche Anleitung gibt es aber nicht – stattdessen werde ich auf den Instruktionsfilm verwiesen, den ich mir auf einem bereit stehenden Bildschirm anschauen könne. Dafür habe ich aber keine Zeit, da ich ja den Bus erwischen muss. Auch das Hilfe-Menü auf dem Gerät hilft mir nicht weiter: Punkt 1 zeigt mir, wo der Reset-Button ist, falls gar nichts mehr läuft (schöne Aussichten!), Punkt 2 wie ich ins Hauptmenü komme und Punkt 3 führt direkt ins Hauptmenü. Urteil: Ein schlechteres Hilfe-Menü habe ich noch nie gesehen. Zumindest eine kurze Anleitung über die ersten Schritte hätte ich erwartet. Und aus welchem Grund gibt es den Instruktionsfilm auf dem Web, aber nicht auf dem Super-HP-Smartphone?

Ich klicke mich durch das eigentlich übersichtliche Menü, das sich auf sechs Punkte beschränkt. Ich finde einige nützliche Dinge: die Karte, die mir anzeigt, wo ich mich befinde, einen Bestimmungsschlüssel für Blumen (cool!) und die Busabfahrtszeiten. Immer noch ahnungslos, wie das Ganze nun funktioniert, beschliesse ich, einfach mal zum Ausgangsort meiner Wanderung zu fahren und abzuwarten, was passiert.

Kaum auf dem Wanderweg, höre ich ein verhaltenes «Guu-guu» und während ich mich frage, auf welchem Baum der Kuckuck sitzt, realisiere ich, dass dies der Hinweis-Ton für eine ortsbezogene Information ist, die automatisch auf dem Handy-Bildschirm erscheint. Dieses «Guu-guu» begleitet mich nun den ganzen Tag: in relativ kurzen Abständen lerne ich so ziemlich jedes Tier kennen, das im Schweizer Nationalpark keucht und fleucht. Zudem erhalte ich Informationen über landschaftliche Eigenheiten, die mir unterwegs begegnen. Die Informationen sind nicht schlecht. Etwas kurz gehalten vielleicht – an einigen Stellen hätte ich gerne mehr erfahren. Fragen stellen kann ich meinem digitalen Wanderführer leider keine. Ich verstehe jedoch nicht, wieso die Informationen nicht gesprochen werden: ich muss jedes Mal meinen Wanderrhythmus unterbrechen und die klein geschriebenen Sätze auf dem stark reflekierenden Bildschirm lesen. Für Personen mit Sehschwäche absolut ungeeignet. Was hingegen gut ist: ich kann wählen, ob ich die Informationen automatisch angezeigt haben will oder nicht.

Die Funktionalität Blumen zu bestimmen fand ich anfänglich ganz toll: man wählt Farbe, Anzahl Blütenblätter und deren Form, und schon werden Fotos von passenden Exemplaren angezeigt. Leider ist nur in einem von vier Fällen die richtige Blume heraus gekommen. Etwas ungünstig ist sicherlich die Unterscheidung zwischen 4 verschiedenen rosa-lila-Farbtönen. Denn der Handy-Bildschirm vermag diese Nuancen nicht wirklich zu zeigen.

Grundsätzlich finde ich die Idee eines digialen Wanderührers nicht schlecht. Die Technologie ist aber nicht ausgereift: Auf einem Drittel meiner Wanderstrecke funktionierte das GPS nicht, das Gerät stürzte zweimal ab und die Kartenqualität ist so schlecht, dass man sich ohne Wanderweg-Kennzeichnung mit Garantie verlaufen würde. Was ich auch vermisste: Genauere Hinweise auf den Ort, auf den sich die Informationen beziehen. Ein typischer konzeptueller Fehler – unvollständige Kontextualisierung. Zwar habe ich via GPS kontextualisierte Infos – aber ohne wirklichen Bezug zur Umgebung. Ein menschlicher Wanderführer würde mir genau sagen, wohin und wonach ich Ausschau halten muss. Das Gerät, wenn überhaupt, informiert einfach. Den Bezug zur Umgebung muss ich selber herstellen. Da präferiere ich persönlich einen Menschen als Wanderführer.

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