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Das iPad: weder Fisch noch Vogel, aber macht nichts

«Reichen Laptop und Smartphone nicht aus?», grummelte ich neulich, und packte den Zeix-iPad in meine Handtasche. Mein Job erfordert es, mich technischen Neuerungen zu stellen, also nahm ich das Wunderding zu Testzwecken eine Weile mit nach Hause.

Eines vorweg: ich liebe das iPad, ich wollte es eigentlich stillschweigend bei mir zu Hause lassen in der Hoffnung, keiner bei Zeix würde es merken. Hat leider nicht geklappt.

Die Gründe dafür sind mir aber selber nicht so klar. An der Usability kanns nicht liegen. Denn die ist noch weit entfernt von einwandfrei, wie schon andere festgestellt haben (siehe z.B. die Mai-Alertbox von Jakob Nielsen). Ich denke, das iPad füllt bei mir eine Lücke, die kein anderes Gerät zu füllen vermag: sofortige Verfügbarkeit von Informationen in angemessener Qualität. Dazu ist zu sagen, dass ich das iPad ausschliesslich zum Surfen bei mir zu Hause genutzt habe – dies genügte aber schon, um mich zu begeistern.

Das iPad hat ein Killer-Feature: kein Aufstarten. Auch wenn es ausgeschaltet ist, innerhalb null-komma-nichts ist man im Netz. Dies kann kein Laptop. Ein iPhone vielleicht schon, dieses hat aber bedeutend längere Ladezeiten und die Bildschirmauflösung ist so klein, dass Surfen einfach keinen Spass macht.

Wirklich interessant am iPad finde ich aber, dass dieses Gerät ein ganz neues Konzept benötigt. Meiner Meinung nach braucht es keinen Vergleich zu Mobiltelefon oder Laptop zu scheuen, denn es ist etwas gänzlich Eigenständiges. Dies manifestierte sich bei mir z.B. folgendermassen:

Ich habe zu Hause Orte, wo ich das Mobiltelefon hinlege und Orte, wo ich den Laptop verstaue. Keiner dieser Orte schien jedoch für das iPad geeignet. Es landete schlussendlich auf oder im Stapel mit Zeitschriften und Büchern griffbereit neben dem Sofa. Überhaupt ist das iPad meiner Ansicht nach am ehesten mit einer Zeitschrift vergleichbar. So ertappte ich mich dabei, dass ich beim Frühstück nicht die Zeitung sondern das iPad neben meinen Teller legte. Und ich habe meinem Partner beim Abwaschen den iPad vors Gesicht gehalten, um etwas zu zeigen –  wie einen Zeitungsausschnitt. Überhaupt hatte ich das iPad so ziemlich überall in der Wohnung zur Stelle. Das einzige, was mir wirklich gefehlt hat, ist ein Henkel, damit ich das Ding auch an den Türrahmen gelehnt sicher in den Händen halten kann.

Auch andere zeigen exploratives Nutzungsverhalten, wenn es um das iPad geht. Zum Beispiel skaten: Will it shred? (nutzlos, aber witzig, und nicht zu verwechseln mit «Will it blend?», ebenfalls nutzlos aber witzig).

Mein Fazit: Das iPad ist ein Beweis dafür, dass eine gute User Experience nur zum Teil von der Usability im engeren Sinne abhängt. Der Nutzungskontext ist oftmals viel wichtiger. Und in diesem Fall erschliesst sich mir ein ganz neuer.

Kommentare

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Moritz

09.08.2010 - 9:07

Als Idee für den fehlenden Henkel sei folgendes Video erwähnt:
http://vimeo.com/11886557

Benjamin Gilgen (Romazini fine wine)

30.06.2010 - 11:15

Hab mich auch gefragt, wer braucht das? Dann war ich im Vitra Haus (vitra.com) und hab mit deren App rumgespielt. Schliesslich hab ich unsere eigene Site (romazini.com) bereits öfter auf dem ipad vorgestellt. Das Erlebnis des Users ist einfach einmalig. Snappy und kristallklar in der Darstellung eignet sich das ipad zur Ideenpräsentation einfach sehr gut. Auch shoppen lässt sich bestens.
Denke das ipad kreiert sich seine eigene Nische, ohne das Mobile oder das Notebook zu bedrängen.