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Zukunftstag: Girls and Robots

Cyborgs kennt jeder. In Science Fiction Filmen treiben sie als unheimliche halb Mensch-/halb Roboter-Kreaturen ihr Unwesen. Doch es geht auch anders! Im Rahmen des Zukunftstags 2019 stellten sich 13 Mädchen der Herausforderung, körperliche Beeinträchtigungen mit Hilfe der Technologie zu kompensieren. Im «Future Design» Workshop haben nicht nur unsere Teilnehmerinnen etwas gelernt.

Weltweit gibt es über 800 Millionen Menschen mit Behinderungen. Alleine in der Schweiz leben 14% der Bevölkerung mit einer Beeinträchtigung. Darunter 10‘000 Blinde, 325‘000 Sehbehinderte und 500‘000 Hörbehinderte. Dies erfordert nicht nur eine Anpassung der Umwelt sondern auch Hilfsmittel für die Betroffenen, z.B. einen Blindenstock oder ein Hörgerät.

Hilfsmittel im Wandel

Technische Hilfsmittel existieren schon heute nicht nur extern, sondern können auch im Körper eines Menschen wirken und ihn unterstützen. Ein Beispiel dafür ist der Herzschrittmacher. Was passiert, wenn man noch einen Schritt weiter geht?

Neil Harbisson ist der erste offiziell anerkannte Cyborg. Durch eine angeborene Achromatopsie sieht er die Welt nur in Schwarz-, Weiss- und Grautönen. Mithilfe einer implantierten Antenne im Kopf, kann Neil Farben auf seine ganz eigene Weise wahrnehmen. Die Wellenlänge der Farbe wird durch den Sensor der Antenne wahrgenommen und via implantiertem Chip in hörbare Frequenzen umgewandelt. Das heisst, Neil kann Farben hören! 

Zeix & Future Design

«Future Design» (aka Speculative Design, Critical Design) ist eine Methode aus Kunst und Industriedesign. Sie verwendet Prototyping, um Probleme von heute mit hypothetisch-futuristischen Produkten aufzuzeigen. Mehr zur Methode.

Dies ist nur ein Beispiel eines sogenannten Cyborgs, der seinen Körper dauerhaft durch ein künstliches, technisches Bauteil ergänzt und seine Beeinträchtigung kompensiert. Genau dieser Thematik stellten sich unsere Junior User Experience Spezialistinnen und übten sich bei uns im «Future Design».

Empathie durch Perspektivenwechsel 

Wie richtige UX Spezialistinnen, mussten sich die Mädchen zuerst ein Bild von der Lage machen. Um die Beeinträchtigungen und Schwierigkeiten zu verstehen und sich besser in die Betroffenen hineinversetzen zu können, war ein Perspektivenwechsel notwendig.

An verschiedenen Stationen konnten unsere Besucherinnen in Gruppen ausprobieren, was es heisst, nur ein Bein zu haben, nichts zu hören oder nur eingeschränkt sehen zu können.

Anschliessend sollten sich die Mädchen ihren Lieblingsort vorstellen und sich überlegen, was sie an diesem normalerweise machen und welche Schwierigkeiten durch die Beeinträchtigung an diesem Ort entstehen. Sie bauten diese Orte nach und begaben sich selbst in diese Situation. Denn um eine Lösung zu finden, muss man zuerst das Problem verstehen.

Was heisst es für mich, blind an der Bahnhofstrasse einkaufen zu gehen? Wie finde ich mich ohne Hände in der Bibliothek zurecht oder wie machen wir zusammen Musik, wenn die Bandmitglieder hörgeschädigt sind?

Den Mädchen kam die Idee als Band von Hörgeschädigten, die Töne nicht übers Ohr, sondern die Vibrationen mit dem Körper wahrzunehmen. Hierzu schliessen sie die Gitarre direkt am Körper an und der eigene Körper wird so zum Verstärker. Um zusammen musizieren zu können, verbinden sich die Mitglieder gegenseitig mit einem Kabel. 

Um sich ohne Hände in der Bibliothek zurechtzufinden, entwickelte eine andere Gruppe eine Roboterhand, die nicht nur Finger hat, sondern gleichzeitig auch Saugnapf, Taschenlampe und Bleistift.

Damit man sich ohne Sehvermögen zurechtfindet, schraubten die Mädchen Kameras auf Köpfe, die das Gefilmte in Sprache umwandeln. Die Nutzerin erhält so eine Beschreibung ihrer Umwelt. Eine andere Gruppe entwickelte künstliche Augen, die nicht nur sehen, sondern auch Distanzen messen konnten und eine Nachtsichtfunktion hatten.

Was musst du als Cyborg können, um deine Beeinträchtigungen an deinem Lieblingsort überwinden zu können?

Unheimlich oder Unverzichtbar?

Future Design kann Angst machen: so fragten wir nach, ob solch drastische Eingriffe in den menschlichen Körper auch unheimlich sind. Dies fanden unsere Teilnehmerinnen gar nicht. Sie fanden die Aufgabe «mega cool» und «logisch, dass man den Körper so unterstützen muss».

Dabei leiteten wir die Mädchen an, kritisch mit ihren Ideen umzugehen. Ist es erstrebenswert, dass technische Lösungen zur Kompensation körperlicher Beeinträchtigungen eingesetzt werden?  Die Antwort der Mädchen war ganz klar «Ja!». Wie bei allen Designentscheidungen dürfen aber auch bei der Mensch-Maschine-Verschmelzung die sozialen Kosten nicht den Nutzen übersteigen. So müsste in einem nächsten Schritt der Dialog mit realen Beeinträchtigten gesucht werden, um die nötige Weitsicht zu erlangen und niemanden auszuschliessen. Dennoch war es im Rahmen unseres Future Design Workshops sehr bereichernd, eine mögliche künftige Welt durch Kinderaugen zu sehen.

Fazit: Kinder Zukunft machen lassen

Die Mädchen hatten einen tollen Tag und haben sich mit viel Elan und Fantasie an die Arbeit gemacht. Ohne Hemmungen wurden Kameras in den Kopf eingepflanzt, künstliche Augen implantiert und Finger neu erfunden.

Die kindliche Unbefangenheit, die Erwachsenen oft abhanden kommt, erwies sich für unser Future Design Projekt als unglaublich wertvoll. Die Offenheit mit der die Mädchen nicht nur an das Thema Behinderung, sondern auch an neue Technologien herangegangen sind, lehrte auch uns viel über die Zielgruppe und macht Hoffnung auf eine stärker inklusive Gesellschaft – vielleicht sogar mit generationsübergreifenden Designer’innenteams?

Nationaler Zukunftstag

Organisiert vom interkantonalen Kooperationsprojekt der Gleichstellungsfachstellen und -kommissionen ermöglicht der Nationale Zukunftstag Mädchen und Jungen losgelöst von Stereotypen verschiedene Berufe kennen zu lernen. Der Nationale Zukunftstag fördert damit frühzeitig die Gleichstellung bei der Berufswahl.

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