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Web ist nicht gleich Online-Print

Warum man Print-Design immer noch nicht ins Web übertragen kann und warum das nicht das entscheidende Problem ist

Nach der stürmischen Frühphase des Web, in der auch gestalterisch alles möglich war, haben sich in den letzten Jahren diverse Standards herausgebildet.

Beispiel: Das Betreiberlogo steht immer oben links. Die Volltextsuche steht (fast) immer oben rechts. Anbieter tun gut daran, sich an diese zu halten, wenn sie eine benutzungsfreundliche Website betreiben wollen.

Aber was, wenn die Web-Standards mit den Print-Standards kollidieren? Auf vielen Briefen und Geschäftsberichten steht das Firmenlogo oben rechts. Vielen Websites sieht man an, dass mal die Aussage gefallen ist: „Aber wenn wir doch festgelegt haben, dass unser Logo immer oben rechts steht, kann es doch im Web nicht einfach irgendwo anders stehen!“

Doch! Denn das Web ist ein anderes Medium mit eigenen Gesetzen, wobei der unterschiedliche Blickverlauf bei weitem nicht der wichtigste Unterschied ist. Viele Anbieter haben das noch nicht verstanden, und oft zeigt die Website ihre gedankliche Heimat: Manche sehen aus wie kleine Fernsehspots (zunehmend sogar weniger ruckelnd), manche wie Online-CD-Roms und ganz viele wie online gestellte Magazin-Seiten.

Zum Beispiel können sich viele gelernte Print-Designer bis heute nicht damit abfinden, dass es im Web nicht „die Seite“ gibt, sondern dass jeder User sie anders sieht, wegen unterschiedlicher Betriebssysteme, Browser, Auflösungen und Fenstergrössen. Ihre brachiale Antwort sind Popup-Fenster von fixierter Grösse, in denen sie den Content einsperren, auch wenn der User eingeschränkt und ein grosser Teil des Bildschirms verschenkt wird.

Der genau vier Jahre alte Artikel „Differences Between Print Design and Web Design“ gilt immer noch in jedem Punkt und sei jedem Webanbieter mit Print-Herkunft empfohlen.

Die entscheidende Herausforderung: Wie entsteht Zusatznutzen online?

Dass diese einfachen Regeln immer noch nicht beachtet werden, ist umso mehr schade, weil die entscheidende Herausforderung eine ganz andere ist: Wie bereitet man Inhalte für das Web so auf, so dass ein Zusatznutzen entsteht, der deutlich über den des gedruckten Mediums hinausgeht?

Bei vielen Online-Anwendungen ist der Zusatznutzen klar: Das ETV ist aktueller als das Telefonbuch. Der Routenplaner kann mehr als die Landkarte. Die Volltextsuche findet mehr als der statische Index. Doch was kann der Artikel mehr, wenn man ihn auf dem Bildschirm hat? Hier geht vielen Anbietern die Phantasie aus, und sie stellen einfach das PDF ins Web, worauf die User reagieren, indem sie ihn ausdrucken und auf Papier lesen. Medienwandel? Keiner, nur anderer Transport.

Die Beispiele für guten, interaktiven Online-Content, der aus einem komplementären Print-Angebot hervorgeht, sind rar. Ein prominentes Beispiel bietet die deutsche Stiftung Warentest, die grösste Verbraucherschutzorganisation in Europa. Jeden Monat publiziert sie das Magazin „test“ (vergleichbar mit „K-Tip“ und „Saldo“) mit rund einem Dutzend Testberichten verschiedener Produkte.

Diese Inhalte nur statisch verfügbar zu machen wäre ein geringer Zusatznutzen gewesen. Die Stiftung Warentest bietet online verschiedene Module an, unter anderem eine Rubrik „Komplett + interaktiv“. Hier kann der Kunde die Bewertungskriterien nicht nur nachvollziehen, sondern auch selbst ändern. Wem z.B. beim Bügeleisen die Haltbarkeit weniger wichtig ist als den Testern, der kann dieses Bewertungskriterium herabsetzen und so allenfalls zu einer völlig anderen Zusammensetzung des Feldes kommen.

Nach diesem Muster kann der User sich durch diverse Texte und Tabellen klicken ? und wer zur Einstimmung ins Thema zuerst im Sofa den Prosa-Artikel lesen will, der kann sich durch auch das PDF ausdrucken. Aber es bildet klar nicht den zentralen Nutzen. Und das alles kostenlos? Nein. Stiftung Warentest betreibt eines der derzeit noch wenigen erfolgreichen „Pay-per-Use“ Angebote, die Zahlungen (1 bis 2 Euro pro Testbericht) werden mit dem Micropayment-System FIRSTGATE abgewickelt, das in Deutschland bereits sehr erfolgreich ist und seit kurzem auch in der Schweiz vertreten.

Wer dieses Beispiel sieht, dem leuchtet ein, warum inzwischen 60% der User angeben, sie könnten sich theoretisch vorstellen, für Onlineinhalte Geld auszugeben ? aber auch, warum sie es in der Praxis derzeit noch nicht machen. Augenscheinlich haben die Nachfrager im Moment noch mehr Phantasie als die Anbieter.

Viele Experten sind der Meinung, dass das, was wir bisher vom Internet gesehen haben, vermutlich erst die Spitze des Eisbergs ist, was die zukünftigen Anwendungen und Geschäftsmodelle angeht. Dies zeigt sich nirgends besser als bei cross-medialen Angeboten aus den Bereichen Print/Web.

aus Graphia 1/2004

Artikelbild: http://www.ilfusion.com/web-design-is-not-print-design

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