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„Live“blogging von „Digital Entertainment“

Bin heute bei der Euroforum Fachkonferenz „Digital Entertainment“, Untertitel: „Der Kampf ums Wohnzimmer: Wie Hersteller, Händler und Netzbetreiber die Chancen des Umbruchs nutzen“. Referenten. Programm.

Ich mach mal nicht so einen amerikanischen Live-Blog wie die Blogger bei Microsofts Developer Conference neulich mit einem Posting alle zehn Minuten mit einem halben neuen Gedanken, sondern eher eine Gesamtschau mit den interessantesten Fakten.

Die Einführung von MP3-Legende Karlheinz Brandenburg habe ich leider halb verpasst. War aber auch mehr so integral. Ich musste in der Zeit erstmal 29.- bei Monzoon für Internet-Zugang ausgeben. Der dann bei meinem Referat gerade irgendwie einen Timeout hatte, obwohl ich mich direkt vorher noch mal eingeloggt habe. I’m lovin‘ it! Immerhin kriege ich bei Brandenburg noch eine Buzzphrase mit: Wo ich immer sage: „alles jederzeit auf jedem Gerät“ heisst es bei ihm: „Time Shifting, Space Shifting, Device Shifting“. Sagt dasselbe, aber viel cooler, weil der Zuhörer auch etwas länger überlegen muss, was gemeint ist…

Klaus Goldhammer von Goldmedia hat eine McKinsey-würdige Präsentation: bis zu fünf Grafiken auf einer Folie. (Sollte der Logik seiner Website folgelnd wohl irgendwann unter Vorträge & Präsentationen auftauchen. Sheesh, die Website hat Frames. Jetzt sind es bald zehn Jahre, seit man als einen der wichtigsten Nachteile kennt: „Seiten schlecht verlinkbar“. Immer noch nervig.)

Danach Fakten, Fakten, Fakten. Viele interessante, von denen ich bisher nur grob wusste. Zum Beispiel in dem Abschnitt, dass es ja interaktives TV längst gibt unter dem Stichwort „Call Media“, wo der deutsche Sender 9Live im Jahr 250 Millionen Anrufe macht. Zur Motivation der Deppen hat er auch eine Folie: Grund Nr. 1 ist „Ich kann etwas gewinnen.“ Ist mir zwar ein Rätsel, wie man das denken kann bei diesen „Leute-jetzt-ruft-aber-an-Shows“. Anderes Fakt: Dass bei der deutschen Vorentscheidung zum Eurovision Song Content 2.4 Millionen Leute angerufen oder gesmst haben. Wow.

Nächstes Kapitel: PVR (digitaler Videorecorder, in der Schweiz z.B. Bluewin TV 300) ändert die Fernsehgewohnheiten dreifach: 1. TV-Konsum steigt. 2. Werberezeption sinkt (durch Überspringen der Werbung, „Ad Skipping“). 3. Mehr Sender werden genutzt. Das heisst in einer Beispielrechnung, wenn man von 25% der Haushalte ausgeht, die es haben, von denen es 75% nutzen (vielfach schaltet man einfach ganz normal ein; kenne ich auch schon mir), von denen wiederum 75% Ad Skipping machen, dann gehen die Werbeimpressions nur um rund 14% zurück. (Habe erst neulich eine weitere Studie dazu gelesen, dazu ein andermal mehr.)

Gerd Leonhard, eigene Jobbezeichnung „Music Futurologist“, hat diverse Blogs, zum Beispiel einen, den er „Music like water“ nennt, was aber auf einen namens The Future of Music, Media & Entertainment forwarded. Brandingmässig nicht gerade Futurology. Via Blog kann man auch seine Präsentation runterladen, allerdings nur gegen Registration für seinen Newsletter, insgesamt ist der Download damit ein etwa fünfzehnstufiger Prozess. Auch nicht so richtig medienkonform. Er zitiert in seinem Beitrag einmal mehr den Long-Tail-Artikel von Wired — allerdings die alte, inzwischen erwiesenermassen falsche Zahl von 57%.

Und dann bringt er noch als Buzzphrase: „Content is King, Customer is King-Kong, and Service is Godzilla.“ Puhh.

Sharad Gandhi von Intel hat auch eine sehr bunte Präsentation, jede Folie vom internen Folienaufhübschdepartment gemuckelt. Intels Vision des Wohnzimmers, nicht ganz überraschend, ist es, dass im Wohnzimmer ein PC seinen Dienst verrichtet — der muss aber bitte unbedingt genug Rechenleistung haben, damit ihn mehrere Leute gleichzeitig nutzen können. Gandhi teil das „Digital Home“ in die Bereiche Digital Entertainment, Health Care, Security und Education ein — und das Entertainment dann wieder „in the Home“ und „On the Go“. Moment. „On the Go“ als Unterabteilung von „Digital Home“? Na ja. Unter dem Stichwort „Simplify->Less does more“ ersetzt er in einer Folie ein schreckliches Gewirr von Geräten und Kabeln, die Rückseite einer typischen Steroanlage, durch einen cleanen „Entertainment PC“. Ja, und der hat dann keine Lautsprecher, braucht keinen Strom und ist sein eigener Verstärker? Eben.

Mittagessen ist im 31. Stock. Ein atemberaubender Blick auf das phänomenale Panorama von Zürich-Oerlikon. MP3-Brandenburg wirft im Sekundentakt irgendwelche Abkürzungen von Kompressions- und anderen Standards über den Tisch. Ich kenne nur die Hälfte, vor allem von denen vor 1990, und bin mit meinem User-zentrierten Ansatz sowieso ziemlich abgehängt.

Was am Morgen auffiel: Alle Referenten haben eine Usability-Folie oder wenigstens ein Usability-Bullet in ihren Präsentationen. Kommt mir trotzdem ein bisschen vor wie: „Ach ja, und es ist übrigens auch wichtig, dass es einfach ist.“ Was dabei eben nicht durchkommt, ist, dass die Usability nicht ein netter Begleitfaktor ist, sondern Conditio sine qua non, und zwar in mehreren Stufen. Wer es nicht anschliessen kann, nutzt es nicht. Wer nicht kapiert, was es ist, kauft es erst gar nicht.

Dann kam ich und hätte diesen Punkt also geraderücken können. Mein Thema „Digitale Medien – blickt der Konsument überhaupt noch durch?“ Ich war nicht soo schlecht, aber ich war auch schon mal besser. Wollte wohl mal wieder etwas zuviel unterbringen.

(Ich poste mein PowerPoint gleich separat als .pps.)

Im ersten Abschnitt hab ich anhand des Wired-Artikels TV 2.0 gezeigt, dass das mit den ganzen Abkürzungen im Moment noch saukompliziert ist. Wie soll das ein User durchschauen? Kam durch, denke ich, aber die meisten Abkürzungen kamen natürlich schon im Laufe des Tages vor, also hatten die Zuhörer einen Vorsprung.

Zweitens wollte ich sagen, dass die Konsumentinnen und Konsumenten heute keine Ahnung haben, was es überhaupt Neues gibt. Wenn man sie fragt, was sie in nächster Zeit kaufen wollen, sagen sie: neuen PC, neues Handy, MP3-Player, Tomtom-Navi fürs Auto. Nur 3 von 40 wollen demnächst was aus dem Bereich „neues Digital Entertainment“ (MP3 finde ich nicht mehr leading edge) kaufen. Für die seriöse Untermauerung hatte ich sogar eine kleine Umfrage organisiert, die tolle Ergebnisse zum Unwissen der User lieferte. Aber mir fehlte das DAU-Video, das sonst immer der Wow-Effekt ist. Hätte lieber einen filmen sollen statt 40 befragen. Note to self: Keine Umfrage mehr ohne Videokamera.

Im dritten Abschnitt habe ich mal gezeigt, wie das Home Theater bei uns zu Hause aussieht, und vor allem, wie kompliziert es ist, es zu nutzen. Mit dem „Woman Acceptance Factor“ konnte ich dabei immerhin eine Buzzphrase platzieren, das den Rest des Tages vorhielt. 🙂

Nicht mehr viel Zeit hatte ich, Andreas Göldis Blogeintrag Media-Center für Masochisten: Ein Selbstversuch vorzustellen. Interessanterweise schlug es trotzdem voll durch und wurde danach noch mehrfach zitiert. „Ganze Ostern verbracht“ bleibt den Leuten offenbar.

Marcel Meier, zuständig für Windows bei Microsoft Schweiz, mag seinen Tablet-PC sehr; er malt auf jeder Folie herum, bis man n ichts mehr erkennen kann. 🙂 Seine These übrigens, warum Tablet-PCs nicht mehr verbreitet sind, ist, dass sie für den Handel zu kompliziert zu erklären sind — wer dagegen einen mit einem sieht, weiss, dass er einen will. Ich weiss nicht. Ich hatte einen SiemensFujitsu, habe aber nie richtig angefangen, den Tablet-Teil zu nutzen. Muss ich vielleicht doch noch mal machen.

In der Mitte wechselt er vom Präsentations-Laptop auf das Media-Center. An der Stelle kommt auch gleich seine Antwort auf Andreas. „Das kommt davon, wenn man nicht auf die Empfehlung des Herstellers hört, der sagt: Kauft das Teil nicht ohne Hardware. Man macht sich das Leben viel einfacher. Typisch Freaks!“ Tja, da siehst Du’s.

Als Beispiele für interaktives TV zeigt er die Enhanced TV Version von abc celebrity mole. Man sieht ein Live-TV-Bild kombiniert mit Interaktionsmöglichkeiten ringsherum. Ist leider nicht so mein Thema. Von Sunday Night Football erzählt er nur. Dort hat man das Livebild vom Football-Spiel rechts oben und kann unten wetten, wohin der nächste Spielzug klingt; wird in den USA angeblich „wie verrückt“ genutzt. Klingt lustig, würde ich gern mal sehen, finde aber keinen Screenshot.

Silvio Mariani, bei Swisscom Fixnet zuständig für Bluewin TV, dunkelt erstmal den Raum ab und zeigt einen generischen Spot im MTV-Stil, der zeigt, dass Fernsehen eine coole Sache ist. „Sie werden Swisscom in fünf Jahren nicht wiedererkennen“, ist danach das erste Statement. Das hört man gern. Das zweite: „Wir haben die Schwierigkeiten von IPTV nicht unterschätzt, aber wir haben es unterschätzt, wie es ist, mit vielen Suppliern zusammen zu arbeiten.“ Klar. Die Software sagt, die Hardware ist schuld, und umgekehrt; und der Carrier sagt, die sind beide doof. 🙂

Danach erzählt er viel von Bluewin TV: Es soll eine Festplatte mit zwischen 160 und 400 Gigabyte haben (Donnerwetter, allerdings ist die Spanne noch recht gross) und „100+“ TV-Kanäle. Der EPG geht vier Wochen im voraus statt zwei Wochen wie die meisten anderen. und so weiter; Swisscoms Position sei hier, dass man halt ein „Follower“ ist, und als solcher muss man halt besser sein als der erste. Das stimmt wohl.

Sie machen einen Softlaunch noch vor Ende 2005, aber nur für Swisscom- und Microsoft-Mitarbeiter. Zum kommerziellen Launch sagt er nichts weiter als den offiziellen Termin „2006“ — „sonst suche ich mir einen neuen Job“.

Anschliessend zeigt er — durchaus offen — Ergebnisse des Trials im letzten Jahr, der ja bekanntlich zur Verschiebung geführt hat. Lustiges Bullet auf einer Folie: „Gute Verfügbarkeit (> 97%)“. Tja, die vom Kunden erwartete Verfügbarkeit bei TV ist aber wohl eher 99.99%.

Das „dicke“ Cablecom-Kabel, wenn man es auf IP-Bandbreite umrechnet, hat eine Kapazität von 3 bis 5 Gigabit/s. Wow. Da muss Swisscom sich ganz schön nach der Decke strecken. Sie launchen Bluewin TV erst, wenn VDSL verfügbar ist, damit sie auch HDTV darüber laufen lassen könnten, auch wenn das wohl nicht gleich alle wollen. Aber sie wollen beim Wettrennen mit Cablecom nicht gleich wieder zweiter sein.

Bluewin TV hat wegen Buffering und Rechnen im Moment eine Verzögerung von 6 bis 8 Sekunden — man arbeitet noch daran, das bis zum Launch möglichst auf Null zu bringen. Verstehe ich. Keiner will, dass der Nachbar mit Cablecom eher weiss, wann ein Tor fällt.

Jetzt kommt die Live-Demo. Es ist nicht ganz live, sondern sie streamen vom einen PC zum anderen, den Live-Zustand vom 22. Juni. Na ja. Ich verstehe allerdings, dass man nicht für jede Präsi, die er hält, gleich in der halben Schweiz Alarmzustand machen will, denn die Architektur sieht ziemlich kompliziert aus.

Am Ende ist Podiumsdiskussion. Die wenigsten bringen noch mal einen neuen Gedanken ein. Ausnahme Goldhammer, der unter dem Stichwort „Divergenz“ findet, dass die ganze Konvergenz der Geräte Blödsinn ist. „In Zukunft werden wir ein Device für jeden Zweck haben, wie eben den iPod, der nur Musik spielen kann — und ein bisschen Fotos anzeigen“. (Und demnächst telefonieren. 🙂 Trotzdem ein interessanter Gedanke, auch wenn ich es nicht glaube. Ich werfe in den Raum, vielleicht könnten sich beide Trends überlagern: Man hat Geräte, die auf eine Sache optimiert sind, aber doch mehr können: Beispiel Fernsehen, mit dem man eben doch auch mal schnell seine Mails anschauen kann, auch wenn Internet auf dem Fernseher schon fünfmal gescheitert ist.

Was weiss ich. Am Ende zwingt uns Brandenburg zu einem Fazit in einem Satz, was die Killer-Applikation von Digital Entertainment sein wird. Goldhammer bringt seine Divergenz. Microsoft-Meier ein englisches Wortungetüm namens Personal Media Management Application oder so, für, mal wieder, alles jederzeit auf jedem Device. Ich sage, der Killer wird es, wenn sich ein System als „Hub“ durchsetzt, das den Standard so definiert, das alle anderen folgen wollen; das kann Microsoft sein, aber es steht noch in den Sternen. Mariani sagt irgendwas, das er fest an Bluewin TV glaubt oder so, hab ich mir nicht genau gemerkt, sorry.

(Disclaimer: Swisscom Fixnet ist Zeix-Kundin, wir haben den Quick Start Guide für Bluewin TV 300 gemacht. Dabei aber nichts Geheimes erfahren. Alles, was ich hier zitiert habe, stammt aus der öffentlichen Konferenz.)

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